Weihnachtsbäume
Weihnachten ohne einen Weihnachtsbaum – das war für mich undenkbar. Egal, wie schlecht die Zeiten waren, der Weihnachtsbaum stand am Heiligen Abend im Wohnzimmer, die Kerzen brannten, und er war wunderschön geschmückt. Ich fand, dass unser Baum der schönste in der ganzen Nachbarschaft, wahrscheinlich sogar im ganzen Dorf war. Wir hatten nämlich, da war ich sicher, die schönsten Kugeln. Die hatte mein Vater bei einem Lazarett-Aufenthalt in Oberhof besorgt: 24 Thüringer Christbaum-Kugeln – rot, grün, blau, silbern, golden – 12 große und 12 kleinere. Und die hingen am Baum neben der alten Kugelkette, den silbernen Vögelchen, einigen Glöckchen und den Kerzen, und dann gab es natürlich noch Engelshaar und Lametta.
Es war während des Krieges; ich war vier Jahre alt und hatte am 2. Weihnachtstag mit Nachbarskindern bei uns gespielt. Die Spiele waren am Schluss etwas wild geworden; denn wir waren auf die Idee gekommen, die „Chaiselongue“ (ein sehr bequemes, wenn auch schon altes Möbelstück in der Wohnküche) als Trampolin zu benutzen, das heißt, wir waren von dem etwas erhöhten Kopfende auf die Liegefläche gesprungen und hatten uns an der Federung erfreut. Irgendwann hatte meine Mutter – wie das Erwachsene so an sich haben – dieses Spiel unterbunden, aber mir hatte es gut gefallen, und als die Nachbarskinder wieder nach Hause gegangen waren und ich eine Weile allein im Wohnzimmer war, kam ich auf die Idee, das Spiel von vorhin fortzusetzen – nun aber auf dem Sofa.
Ich kletterte auf eine Armlehne – die war deutlich höher als das Kopfende der Chaiselongue und sprang auf die Sofa-Sitze. O, die waren härter, aber auch besser gefedert als bei dem alten Möbelstück in der Küche. Also kletterte ich wieder auf die Armlehne und sprang erneut. Das Spiel gefiel mir. Vor dem vierten oder fünften Sprung aber verlor ich auf der Armlehne das Gleichgewicht und fiel nach hinten. Ich schrie auf und landete rückwärts – im Weihnachtsbaum.
Wahrscheinlich war das mein Glück: Statt mit dem Kopf auf den harten Holzdielen war ich in den Zweigen des Weihnachtsbaumes gelandet, der zwar nach hinten kippte, aber seinerseits vom Wohnzimmerschrank aufgehalten wurde. Meine erschrockene Mutter klaubte mich aus dem Baum heraus: Es war mit tatsächlich nichts passiert. Aber mehrere der schönen dicken Glaskugeln waren zerbrochen. – Das Trampolin-Springen auf dem Sofa versuchte ich von da an nicht mehr ...
