Leseprobe

Das Feuer … starrt in die Ecke, aus der die Geräusche gekommen sind. Sein Schein reicht nicht mehr so weit – hinter dem großen Schrank, den es gerade noch sieht, da muß es sein. Wenn doch der Wind da wäre oder wenigstens der Nachtrabe.

Es atmet ganz leise und hält dann wieder die Luft an. In der Ecke zum Schrank hin wird es noch dusterer.

Und jetzt – jetzt hört es etwas, das es eigentlich schon länger gehört, jedoch nicht richtig wahrgenommen hat: „Tick-tack ... tick-tack ... tick-tack ...“

Ja – dies Tick-tack ist immer dagewesen und nicht auch manchmal das Doing?

Tick-tack ... doing – bei all dem Sinnverwirrenden, das das Licht schon erlebt hat, ist es sich nicht sicher.

„In Ewigkeit“, sagt eine müde Stimme.

Das Feuerlicht starrt weiter in die Ecke. Ja, kein Zweifel, die Geräusche und die Stimme kommen von dort her.

„Es freut mich, daß du mich endlich bemerkst.“

„Wer bist du?“ fragt das Licht.

„Ich bin die Zeit.“

Wer ist denn das nun wieder, denkt das Feuer. Die Zeit ... ob sie ein Gespenst ist?

„Wo bist du?“ fragt es.

„Hier in der Ecke. Wenn du etwas heller scheinen würdest, könntest du mich sehen.“ Und nach einer Pause und noch etwas müder: „Nein, das ist Unsinn, was rede ich für einen Unsinn, natürlich kannst du mich nicht sehen. Ich fange nur wieder an, denselben Unsinn zu erzählen wie die Menschen. Glaub den Menschen nicht. Sie reden so, wie sie es verstehen. Sie denken, wenn sie einen Kasten aufstellen, der tick–tack macht und manchmal doing, dann sei das die Zeit, haha ...“

Die Stimme lacht auf eine Weise, daß man nicht weiß, lacht sie wirklich oder ist sie eher traurig. „Sie denken, ich sei ein Raubtier, das sie in einen Kasten einsperren müssen, weil es ihnen die Stunden und Tage und das ganze Leben wegfrißt. Aber sie können mich nicht einsperren. Ich bin überall, nicht allein in dem Kasten, den sie Uhr nennen. Sie sperren sich nur selber ein, wenn sie mich nach Stunden einteilen wollen, haha ..., lächerlich, sie rauben sich selbst ihre Stunden mit all dem Unsinn, den sie tun, und sie fangen sich selbst in ihrem Käfig von Stunden, weil sie vor ihrer letzten stets Angst haben.“

Die Stimme ist zum Schluß etwas lauter geworden, und das Feuer weiß nicht, was es sagen soll.

„Du brauchst nichts zu sagen“, hört es. „Was willst du auch sagen, so ein junges Ding.“

Die Stimme klingt müde wie zu Anfang, und danach ist es wieder still bis auf dies dauernde, wie vor sich selbst davonlaufende Tick-tack ... tick-tack ... tick-tack ...

„O, ich bin alt, ich bin so alt, ich weiß selbst nicht, wie alt ich bin; und ich bin jung, so jung wie im ersten Augenblick der Welt und jünger noch als du. Aber denk nicht darüber nach, was ich rede, denk, es ist Unsinn. Wer über mich nachdenken will, nimmt sich viel zu wichtig – ja, die Menschen ... Nur sehen kannst du mich wirklich nicht, das ist wahr, und diese alte Uhr hier – lächerlich, einfach lächerlich ...“

Dem Feuerlicht ist unbehaglich. Es hat nicht mehr solche Angst wie zu Anfang, als es die ersten Geräusche gehört und an Gespenster gedacht hat, doch wohl ist ihm nicht. Die Zeit spricht so seltsam, daß es gar nichts versteht.

„Ich bin!“ sagt die Zeit. „Ich bin das einzige, das immer ist. Alles wird alt und stirbt, und Neues kommt, das wird auch wieder alt und stirbt, sogar die Erde und sogar die – Sonne.“

Die Sonne ...

Dem Feuerlicht geht es durch und durch – was ist das nur?

„Sogar die – Sonne ...?“ spricht es zitternd nach.

„Ja, sogar die Sonne ... deine Mutter“, hört es.

Und hört es oder hört es auch nicht und weiß – ja, weiß es wirklich – weiß bei der ersten Erwähnung schon, wer die Sonne ist. Weiß, daß die Sonne seine Mutter ist, und ist plötzlich so aufgeregt, daß es sich wieder mit dem Atmen verhaspelt und anfängt zu qualmen. Rauch steigt hoch. Es muß husten und wünscht sich, daß es weinen könnte. Natürlich nicht wegen des Rauchs, sondern vor Freude darüber, daß es nun weiß, wer seine Mutter ist.

„Die Sonne – ?!“, ruft es, so gut es kann und holt tief Luft und will noch einmal „die Sonne – ?!“ rufen, doch der Rauch hindert es; und so hustet und qualmt es und ist erbärmlich anzusehen, und ist dennoch glücklich wie nie zuvor. „O, du liebe Zeit“, ruft es, „du liebe Zeit, ich möchte dich so gern umarmen!“