AM RANDE DANGARDS, der Hauptstadt von Weitland, wo bescheidene Häuschen und Hütten standen, lebten drei Schwestern, Lisata, Yetta und Kara. Ihre Eltern waren tot und hatten ihnen außer dem kleinen Haus mit einem kleinen Garten nur Gerät und Fertigkeit der Webkunst hinterlassen, und so fristeten die drei ihr Leben mit dem, was der Verkauf gewebter Stoffe und Bänder einbrachte.
An einem warmen Sommerabend saßen sie zusammen, schwatzten, lachten und mochten nicht zu Bett gehen. Es war ein ungewöhnlich schöner Abend: Der Himmel spannte sich über die Stadt wie ein weiches Tuch, bestickt mit tausend Glitzerpunkten, und der fast volle Mond zog behäbig seine Bahn. Überall in den Nachbarhäusern und Gärten saßen die Menschen zusammen, lachten, redeten, sangen; es war, als wolle jedermann den Abend bis zum Anbruch des neuen Tages ausdehnen. Die drei Schwestern hatten einen Krug Wein geholt. Der ungewohnte Trank löste die Zungen, und die Mädchen redeten über Dinge, die sie sonst für sich behielten.
„Wenn du dir einen Mann unter allen Männern der Stadt aussuchen könntest“, sagte Yetta, die Mittlere, zu ihrer älteren Schwester, „wen würdest du wählen?“ Lisata kicherte: „Es gibt einen, den würde ich sofort nehmen.“ – „Lass mich raten!“, rief Yetta. „Es ist Yaneko, stimmts?“ Yaneko war ein junger Witwer aus der Nachbarschaft. „Falsch, ganz falsch!“, kicherte Lisata. „Ich weiß jemanden, der mir noch besser gefallen würde!“ - „Und das wäre?“, fragten Yetta und Kara wie aus einem Munde. „Das wäre ...“ - Lisata machte eine bedeutungsvolle Pause: „... der Bäcker des Königs.“
Ihre Schwestern begannen zu lachen und hörten nicht mehr auf, so dass Lisata schließlich das Gesicht beleidigt verzog. „Was ist daran so komisch?“
Yetta nahm einen Schluck Wein und antwortete noch immer lachend: „Gar nichts, nur ist deine Wahl so treffend, dass wir eigentlich selber darauf hätten kommen müssen: Kein Mann passt besser zu dir als der beste Bäcker der Stadt. Nicht einmal der König weiß Backkünste zu würdigen wie du.“ Lisata lächelte geschmeichelt. Sie war ein hübsches Mädchen mit lebhaften braunen Augen, dicken schwarzen Zöpfen und einem üppigen und trotzdem wohl geformten Körper. Sie goss sich noch einen Becher Wein ein; der Krug war inzwischen fast leer.
„Nun, Yetta“, begann sie kichernd, „jetzt wollen wir hören, welchen Mann du als Bräutigam wünschst.“ Yetta lehnte sich einen Augenblick zurück und begann mit spitzbübischem Lächeln, das ihre gleichmäßigen jedoch ein wenig strengen Gesichtszüge weich machte: „Das, liebe Schwester, ist nicht schwer, nachdem du mir mit deiner Wahl den Weg zum Königspalast gewiesen hast. Du magst alles Süße, Gebäck und Kuchen und hast dich bei der Wahl eines Bräutigams von dieser Vorliebe leiten lassen. Auch ich kann mich für gut zubereitetes Essen begeistern; allerdings bevorzuge ich die kräftigen, würzigen Speisen, und darum wähle ich mir als Bräutigam den Koch des Königs.“ Beifälliges Gelächter war die Antwort. Yetta hatte graue Augen und ein schmales Gesicht. Sie war groß und gertenschlank - trotz ihrer Vorliebe für gutes Essen. „So, Kara, nun bist du dran!“, bestimmte sie, leerte ihren Becher und goss sich den Rest aus dem Weinkrug ein. In die erwartungsvolle Stille tönte plötzlich vom Fenster her ein Geräusch, als ob jemand an die Läden gestoßen wäre.
„Da ist jemand“, raunte Kara. Sie lauschten einen Augenblick, dann sprang Yetta hoch, eilte zum Fenster und blickte hinaus.
„Nein“, meinte sie kopfschüttelnd, „hier ist niemand. - Vielleicht hat eine Fledermaus angestoßen.“ Kara schüttelte den Kopf: „Da war jemand.“ Sie stand auf, nahm das Öllämpchen vom Tisch und ging mit raschen Schritten zur Tür. Sie leuchtete nach draußen und spitzte die Ohren. Aus einem der Nachbargärten ertönte lautes Gelächter, und von den anderen Häusern her drangen gedämpfte Stimmen durch die Nacht; um ihr Haus herum aber war es still. „Vielleicht hast du Recht“, murmelte sie schließ-lich, ging zögernd wieder hinein und setzte sich.
„Nun sag uns, wen du am liebsten zum Bräutigam hättest!“, drängte Lisata.
Kara blickte noch einmal zum Fenster. Sicher hatte sie sich getäuscht! Wer sollte unter ihrem Fenster stehen und Interesse an dem albernen Zeug haben, das sie miteinander schwatzten!
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