Leseprobe

Zwischenbilanz

Die letzten Tage waren mal wieder stressig, ein Termin jagte den nächsten. Endlich ein wenig frei Zeit. Das Wetter ist auch o. k., also rein in die Motorradklamotten, den Bock aus der Garage geschoben und auf geht's. Langsam erst mal wieder an das Fahrgefühl gewöhnen, Lenken mit dem ganzen Körper, durch das geöffnete Visier den Duft von Feldern und Straße aufnehmen. Nach und nach wird die Maschine unter mir wieder ein Teil meiner selbst, reagiert auf kleinste Bewegungen, potenziert Kraft und Willen ins fast Unendliche. Eins werden mit Technik und Umgebung, aber nicht sich selbst aufgebendes Auflösen, sondern gestaltendes Verschmelzen.

Der Stress fällt langsam ab, der Kopf wird frei, lange antrainierte Verhaltensmuster haben die Steuerung der mechanischen Vorgänge übernommen. Mein sozusagen integrierter Autopilot schafft mir Raum zum Nachdenken. Keine Klingel an der Haustür kann meine Gedanken unterbrechen, kein Telefonanruf kann mich hier erreichen, selbst das Handy ruht gut verwahrt ausgeschaltet im Tankrucksack. Inmitten des prallen Lebens bin ich allein mit mir, und mit meinem Gott.

Ja, es mag seltsam klingen, aber das Motorradfahren mit seiner geistigen Freiheit hat für mich viel mit Gebet zu tun. Denken vor Gott geht da über in das Reden mit Gott. Und oft fügt sich das Verkehrsgeschehen erstaunlich in diese geistige Auseinandersetzung ein.

Schließlich darf ich ja nicht unachtsam beim Fahren werden, die Sinne sind ganz auf die Umgebung ausgerichtet, auch mit Straßenbelag und Wind, anderen Verkehrsteilnehmern und den mir gegebenen technischen Möglichkeiten findet ständige Kommunikation statt.

 

Seit dreißig Jahren erlebe ich nun diese eigenartige technische Art der Persönlichkeitserweiterung, angefangen vom Mofa, das mir aus heutiger Sicht mehr Statussymbol war als wirklich den Aktionsradius des Fahrradfahrers zu vergrößern. Beim Mokick kam erstmals eine andere soziale Funktion dazu, der zweite Sitzplatz öffnete vorher nur erträumte neue Möglichkeiten, mit der Reichweite vergrößerte sich die problemlos zu erfahrende Lebenswelt. Naja, so ganz problemlos war das nicht, der Verzicht auf die Monatskarte aus Kostengründen zur Finanzierung der neuen Freiheit bedeutete auch eine neue Einstellung zum Wetter. Und da eine Inanspruchnahme der Werkstatt genauso wie der Erwerb etwas jüngerer Modelle völlig außerhalb der finanziellen Ressourcen lag, gehörte das Selbstschrauben einfach dazu. So nahm von Panne zu Problem die Kenntnis technischer Zusammenhänge zu, zuerst oft nur auf der Ebene des wie, später dann auch vermehrt auf der des warum. Die erste Krise kam mit 18 und dem Erwerb des Autoführerscheins. Natürlich hatte ich für geringen Aufpreis auch die (damals ja noch uneingeschränkte) Lizenz zum Fahren "richtiger" Motorräder erworben. Aber die alte Konkurrenz zwischen Auto und Motorrad schlug sich auch in den privaten Überlegungen nieder. Mehr Platz, Wetterschutz und auch mehr Sicherheit, eigentlich sprach alles für das Auto. Aber nur eigentlich. Denn neben dem Kostenfaktor und Platzbedarf führte mich die überschaubarere Technik bald zum Motorrad zurück.